Das erste Mal als Tourenleiter - ein Erlebnisbericht

Vor einigen Jahren habe ich eine Ausstellung von Jens Hübner gesehen und war begeistert. Er hat 2008 seine zweijährige Weltumrundung mit Fahrrad, Zelt und Zeichenblock beendet. Eigentlich eine schöne Idee, Radfahren, Kunst und Natur zu verbinden, dachte ich. Auch Lyonel Feininger (1871-1956) radelte auf Usedom mit einem amerikanischen Fahrrad der Marke Cleveland Ohio und machte Hunderte von Natur-Notizen. Ein Fahrrad dieser Marke aus dem Jahre 1897, noch mit Holzfelgen, aber schon luftbereift.

In Berlin gibt es viele Orte an denen sich Künstler inspirieren ließen. „Die Welt will Grunewald von mir“ sagte einst Walter Leistikow (1865 – 1908 Berlin), der ein erfolgreicher deutscher Maler und Grafiker war. Seit 1982 bin ich künstlerisch tätig, fahre sehr gern Rad, liebe die Natur und biete beim ADFC Berlin Touren mit dem Skizzenbuch an. Meine erste Tour “Mit dem Bleistift in den Grunewald” war am Freitag, den 3. Juli 2015. Laut Wetterbericht: Höchstwerte von 33,5 Grad in Berlin, na toll, dachte ich. Tourbeginn: 15:00 Uhr, S-Bhf. Heidelbergerplatz, Tourende: S-Bhf. Wannsee

Wir fuhren also in den Grunewald zu unserer ersten Kunstpause am Jagdschloss Grunewald. Vor Ort begannen wir mit der Motivsuche. Hier gibt es viele Motive, die zum Zeichnen geeignet sind, d.h. Landschaft, Architektur, Tiere, Pflanzen oder Menschen. Das heißt, ich muss mein Blickfeld beschränken und bei meiner Motivwahl einen Ausschnitt wählen. Sich für einen Ausschnitt zu entscheiden heißt, diesem Teilstück besonderes Gewicht beizumessen. Ein Ausschnittsucher hilft den gewünschten Ausschnitt heranzuholen. Das einfachste ist, die Hände zu einem Ausschnittsucher formen, beide Arme ausstrecken, vielleicht ein Auge zukneifen und dann zum gewünschten Motiv wandern.

Umsetzung des Motivs

Mit einer Zeichnung halten wir das Gesehene fest, mehr noch, wir nehmen Atmosphäre, Stimmung und Rhythmus wahr, drücken unsere Eindrücke und Empfindungen aus. Wir beginnen mit leichten Strichen, halten dabei den Bleistift locker in der Hand, so können wir nicht ins Detail gehen. Dabei haben wir immer das Ziel im Auge, das aus dem Großen immer mehr ins Detail wächst. Das zu zeichnende Objekt geht jeder auf andere Weise an, und gibt es dann in seiner eigenen Art wieder. Wer nach der Natur zeichnet oder malt, muss nicht automatisch naturgetreu abbilden.

Unsere zweite Kunstpause war das Naturschutzzentrum Ökowerk. Im Wildgarten ging es um die zeichnerische Wiedergabe von Blumen, z.B. der Stockrose. Erfassen der Form mit einer Linie, Aufbau einer Komposition. Zum Schluss eine Übung: Die Blindzeichnung. Bei der Blindzeichnung fangen alle gemeinsam an, betrachten intensiv das Motiv und zeichnen, ohne aufs Papier zu schauen und ohne den Stift abzusetzen. Mit dieser Technik wird keine wirklichkeitsgetreue Abbildung angestrebt, aber es entstanden intuitive, gute Zeichnungen und alle hatten Spaß. Im Herbst ist eine Tour mit dem Skizzenbuch zu Feiningers Malstandorten nach Usedom geplant.
Monika Bolte